1. OG RAUM 15
DIE KELTEN KOMMEN VOM UNSINN EINES VOLKSBEGRIFFS
An der Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. kam es in großen Teilen Mitteleuropas zu jener denkwürdigen kulturellen Umwälzung, die unter der Bezeichnung LA-TÉNE-STIL die folgenden fünf Jahrhunderte bis in die Zeit um Christi Geburt prägen sollte. Diese Kunst, die als „typisch keltisch“ gilt, entstand erst 100 Jahre nach dem Beginn der intensiven Kontakte der Kelten mit den Etruskern und Griechen. Sie hat nichts mehr mit der eintönigen Verzierungsweise der Hallstattkultur zu tun, sondern setzte südliche Anregungen auf eigenwillige Art um.
Für die alteingesessene Bevölkerung der Dürrnbergs hat sich damals aber nicht viel geändert. Bereitwillig wird anstelle der strengen geometrischen Formen der neue, alle Bereiche der Tracht umfassende Stil aufgenommen, der sich besonders in der Frühphase durch eine Art phantastischen Realismus auszeichnet.
Die Kunsthandwerker entwickeln den neuen La-Téne-Stil in einer atemberaubenden Vielfalt an Form und Mustern, die uns von keinem vergleichbaren Fundort Mitteleuropas bekannt sind. Bei der Gestaltung der Fibeln dominiert eine Vorliebe für MOTIVE AUS DEM TIERREICH, aber auch für fratzenhaft verzerrte MENSCHLICHE MASKEN (V. 40/Nr. 4). Die figürlichen Darstellungen sind wahrscheinlich nur in Verbindung mit (unbekannten) religiösen Vorstellungen zu verstehen. Vogelköpfe, vorwiegend jene von Raubvögeln, gehören zu den beliebtesten Motiven der frühlaténezeitlichen Fibelkunst. Eine menschengestaltige Fibel aus Grab 135 erlaubt uns z. B. einen Einblick in die keltische Männertracht der Frühlaténezeit (V. 40/Nr. 6). Aussehen und Zuschnitt des „Festtagsschuhwerks“ lassen sich z. B. mit Hilfe von schnabelförmigen Schuhfibeln (V.44/Nr. 2 - 6) rekonstruieren.
ARM- UND BEINRINGE wurden zunächst aus dünnem Bronzedraht gearbeitet; jene aus eingerolltem Bronzeblech mit Stöpselverschluss und aufgeschobener Muffe sind zeitlich bereits etwas jünger (V. 41/Nr. 1). Ein gegossener Armring aus Bronze, dessen Pufferenden mit einem Raupenband verziert sind, weist an den beiden Außenseiten dieser Verdickung eine stilisierte menschliche Maske auf, deren strenger Ausdruck nur mehr schwach an den kraftvollen Schwung der frühen Phase erinnert (V. 41/Nr. 2).
Noch jünger, in einem mittellaténezeitlichen Milleu ist z. B. ein Armring mit Scharnierverschluss angesiedelt, dessen z. T. abgewetzte Außenflächen mit vier Medaillons verziert sind, die flächendeckend Rosetten aufweisen (V. 43/Nr. 1). Im 3. Jahrhundert v. Chr. werden für die Armringproduktion neben Bronze auch andere Werkstoffe wie etwa Sapropelit (fossiler Faulschlamm) und vor allem Glas verwendet. Ein besonders qualitätsvolles Stück ist uns beispielsweise in Grab 257 überliefert. Auf der Innenseite dieses farblosen Glasarmringes hatte man eine gelbliche Farbpaste aufgeschmolzen, die auf der Raupenverzierung des Außenringes ein irisierendes Licht erzeugt (V. 43/Nr. 5).
Bemalte RÖHREN- UND SCHNABELKANNEN AUS TON waren ein erschwinglicher Ersatz für importierte teure Metallkannen aus dem Süden; ähnliches ist auch bei einigen Ton- und Holzimitationen zu vermuten, wie z.B. eine Röhrenkanne aus grauschwarzem Ton aus Grab 183/2 (V.43), deren Maße z. T. nahezu identisch sind mit einer Holzkanne mit Bronzebeschlägen aus Grab 46/2 (V. 52/Nr. 1). Abgesehen von Qualitätskriterien lagen offenbar auch Töpfer und Drechsler untereinander in stillem Wettbewerb.
EIN KELTISCHER „ADELIGER MIT FRAU“
(GRAB 145, SKELETT 1 UND 2)
Dem Totenbrauchtum jener Zeit entsprechend wurden die Verstorbenen unter mehr oder weniger großen Grabhügeln beigesetzt. Diese waren in der Regel aus Erde, seltener aus einem Stein-Erdegemisch aufgeschichtet. Im Zentrum eines Grabhügels hatte man gewöhnlich eine annähernd quadratische Grabkammer aus Balken von durchschnittlich 2 Meter Seitenlänge gezimmert und an den Außenkanten mit Blocksteinen eingegrenzt. Die Toten wurden zumeist nahe an eine der beiden Längsseiten gebettet. Sie lagen in der Mehrzahl in ausgestreckter Rückenlage mit seitlich angelegten Armen, wahrscheinlich auf einem vorbereiteten Ruhelager aus Stroh, Stoffen oder Fellen von denen sich naturgemäß nichts mehr erhalten hat. Man hatte sie wahrscheinlich in ihrer Festtagstracht bestattet, die (wehrfähigen) Männer zusätzlich mit Waffen.
Die beiden Individuen in Grab 145 waren nicht gleichzeitig verstorben. Die Frau hat den etwa 20 bis 30 Jahre alten Mann wahrscheinlich länger überlebt und wurde auf der gegenüberliegenden Längsseite der Kammer in entgegengesetzter Orientierung nachbestattet (V. 42).
Grabhügel, die über mehrere Generation hinweg weiterbenutzt wurden, sind auf dem Dürrnberg an und für sich nicht selten. Konnte man aufgrund eines schlechten Erhaltungszustandes ältere Grabkammern nicht mehr weiterbenutzen, so wurden oftmals neue Kammern in Etagenbauweise übereinander errichtet.
Neben den verhältnismäßig häufigen Nachbestattungen (in Einzelfällen sogar bis zu drei Etagen) die enge verwandtschaftliche Beziehungen vermuten lassen, gibt es auf dem Dürrnberg innerhalb der verschiedenen Nekropolen wiederholt eine Reihe von Gräbergruppen, die besonders dicht beisammen liegen. Diese waren wohl bestimmten Großfamilien vorbehalten.