1. OG RAUM 19

ADEL UND FÜRSTEN

GRÄBER MIT SONDERAUSSTATTUNGEN – DER „ADEL“

„Adel“ ist ein Begriff, der erst seit dem Mittelalter einen konkret beschreibbaren Inhalt besitzt. Für die schriftlosen Zeiten können die Archäologen nur

feststellen, wie auffällig sich eine privilegierte Stellung von Einzelpersonen oder Familien in der Grabausstattung niederschlägt.

Der Personenkreis mit Sonderausstattungen lässt sich nach unseren heutigen Vorstellungen als Führungsschicht, vergleichbar einem Lokaladel beschreiben. Das Tragen von Rangabzeichen, insbesondere von HELMEN (V. 50/Nr. 1 - 3) hatte wahrscheinlich nicht nur den Zweck eine erhöhte Kampfbereitschaft zu demonstrieren, sondern diente in erster Linie dazu, gesteigertes Machtbewußtsein durch den Besitz kostbarer Waffen zu unterstreichen.

Metallhelme gehörten demnach ebenso wie die Panzer aus Gewebe oder Leder nach mediterranem Vorbild ausschließlich zur Sonderausstattung einer privilegierten Führungsschicht.

Die SCHWERTER MIT BRONZENEN SCHEIDENVORDERBLECHEN aus Grab 200 und 204 (V. 50/Nr. 15 und 11) sind als eine „Modeerscheinung“ im so genannten Frühlaténe-Fürstengräberkreis (von der Marne bis nach Böhmen und sogar bis Ungarn) zu bezeichnen. Innerhalb dieser Verbreitungszone sind die Dürrnberger Schwerter mit kleeblattförmigem Schlussstück (und Drachenmotiv) als die östlichsten Vertreter dieses Typs zu lokalisieren.

Darüber hinaus gehören zur regelhaften Ausstattung einer Führungselite eine kleine Anzahl von besonders QUALITÄTSVOLLEN BEIGABEN, die entweder südliche Herkunft verraten, wie z. B. ein schmuckloser Bronzestamnos aus Grab 63, der aus Etrurien importiert wurde (V.52/Nr. 3) oder einheimische

hölzerne Röhren- und Schnabelkannen mit Bronzebeschlägen (V.52/Nr. 1).

Eine soziale Sonderstellung müssen wir gewiss auch jener Frau in Grab 118 zuerkennen, die als kultische (?) Beigabe einen Bronzestab mit Mondanhänger mitgeführt hatte (V. 53/Nr. 13). Zuletzt verweisen die außergewöhnlich reiche Schmuckgarnitur und die zahlreichen Amulette eines Mädchens in Grab 71 auf eine „adelige“ Abstammung (V. 51/Nr. 9–18).

„FÜRSTENGRÄBER“

Für einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum, eingeschränkt auf ca. drei Generationen (450–350 v. Chr.) war auch auf dem Dürrnberg die in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitete Sitte der „Prunkgräber“ üblich. Obwohl es keine klare Begriffsbestimmungen gibt, ist die sprachliche Formulierung „Fürst“ zumindest als Übertragung des bei Tacitus (Tac.Germ.) erwähnten princeps historisch begründet. Ob es sich bei diesen Personen um eine hochrangige Führungselite mit Sonderprivilegien handelte, lässt sich allerdings nicht genauer umschreiben. „Fürsten“ unterstreichen jedenfalls ihren gesellschaftlichen Rang durch eine Reihe von Statussymbolen, durch die sie sich vom übrigen Ortsadel als „primi inter pares“ abheben. Ihre Exklusivität bzw. Abgrenzung zu den übrigen Gräbern wurde auf dem Dürrnberg vor allem durch eine BESTATTUNG AUF EINEM ZWEIRÄDRIGEN STREITWAGEN und nachrangig mit südlichen Importgütern in Form von mehrteiligen Trinkservicen, Metallhelmen etc. hervorgehoben. Zuletzt sollte der Grabhügel durch seine überdimensionale Größe in bevorzugter Geländelage den einstigen Herrschaftsanspruch dokumentieren.

Vom Dürrnberg sind uns bislang nur zwei „Fürstengräber“ überliefert, in denen neben keimh_ia (Zimelien) Kampfwagen, oder besser deren Beschlagteile, gefunden wurden.

In Anbetracht der schwierigen Geländesituation war der strategische Nutzwert eines Streitwagens auf dem Dürrnberg ohnedies fragwürdig, zumal er sich auch kaum zur Jagd geeignet haben kann! Trotzdem wollte man offenbar aufgrund eines überzogenen Renommierbewußtseins auf dieses Gefährt nicht unbedingt verzichten.

Eines der beiden (gesicherten) Fürstengräber (Grab 112) liegt in beherrschender Lage auf einer bewaldeten Hangstufe, am Fuße der so genannten Hexenwand. Der Grabhügel wurde bereits 1932 geöffnet, war aber schon damals beraubt. Neben den Beschlagsresten eines Streitwagens (Radreifen, Naben, Deichselbeschläge), den Ziernägeln von einem Pferdezaumzeug (?), Bruchstücken von Tongefäßen etc. wurde, unter Versturzmaterial, die keltische Imitation einer etruskischen Bronzeschnabelkanne entdeckt, die offenbar einer rigoroseren Plünderung entgangen war (V. 46).

GRAB 44:

EIN UNGEPLÜNDERTES FÜRSTENGRAB AUF DEM MOSERSTEIN

Die dominante Stelle des zweiten Fürstengrabes auf der höchsten Erhebung des Mosersteins wurde unangefochten von keinem anderen Begräbnisplatz überboten. Den etwa 25 bis 30 Jahre alte Mann hatte man in einer quadratischen, ca. 3,5 m breiten Holzkammer bestattet. Er lag dort mit Blickrichtung gegen Osten auf einem zweirädrigen Wagen, von dem sich nur die eisernen Beschlagteile, wie etwa die Reste der beiden ca. 1,10 m großen Radreifen, einige Nabenbeschlagsfragmente sowie eine Achskappe mit durchgestecktem Achsnagel erhalten haben (Rekonstruktion und Originalbeschläge über den Vitrinen, V. 54 und 55). Spuren einer Deichsel bzw. Zierbeschläge wurden keine gefunden, aber eine runde Eisenbuchse mit durchgestecktem Stift, bei der es sich wahrscheinlich um das Endstück eines Treiberstachels (stimulus) zum Anspornen der Pferde handelt (V. 55/Nr. 45).

Der „Fürst“ trug möglicherweise eine Kopfbedeckung, die mit einem kleinen scheibenförmigen punzierten Goldblech verziert war, welches man zur besseren Versteifung auf eine Bronzeunterlage gebördelt hatte (V. 54/Nr. 12). Das einfache Eisenschwert weist einen Knauf und zwei Querstangen aus Hirschhorn auf und war ihm, der üblichen Trageweise entsprechend, an der rechten Hüfte beigegeben worden. Mit vier massiven Koppelringen aus Bronze wurde es wahrscheinlich an einem ledernen Waffengurt gehalten, der mit drei Gürtelbeschlägen aus durchbrochenem dickem Bronzeblech verziert war (V. 54/Nr. 20).

Einen spitzkonischen, unverzierten Bronzehelm mit profiliertem Scheitelknauf hatte man bei den Füßen deponiert (V. 54/Nr. 17). Zum Waffeninventar gehören noch drei Wurflanzen (die nach Berichten antiker Autoren von den angreifenden Streitwagen geschleudert wurden) und einige Pfeilspitzen von Pfeilen, die wahrscheinlich in einem Köcher aus organischem Material verwahrt wurden (V. 54/Nr. 21 und 22).

An der linken Seite des aufgebahrten Fürsten, gleich neben dem Wagenkasten, hatte man insgesamt fünf Gefäße abgestellt. Das größte von ihnen, eine Situla aus Bronzeblech, mit einer Höhe von 88 cm hat ein Fassungsvermögen von rund 190 Litern. An ihrem unteren, stark verglühten Teil hafteten noch deutlich die verkohlten Rückstände eines Kochgutes (V.55 Nr. 45).

In dieser Situla verwahrte man eine schwarzgefirniste attische Trinkschale, eine Kylix, , die zwischen 480 und 450 v. Chr. in einer Athener Werkstatt getöpfert wurde. Aus der Sicht des Herstellers war diese Schale fraglos nur von bescheidenem Wert, aber durch die große geografische Distanz wurde sie enorm aufgewertet (V.55/Nr. 23).Zum Grabinventar zählten ferner ein 52 cm hohes Standgefäß mit dem Aussehen einer Feldflasche . An den trommelförmigen Körper aus Bronzeblech sind paarweise Standbeine angenietet, welche die Form von menschlichen Beinen aufweisen. Das Standgefäß hat ein Fassungsvermögen von fast 18 l und enthielt einen geharzten Gewürzwein südeuropäischen Ursprungs (V. 54/Nr. 24).

Wenn man in Rechnung stellt, dass die Kelten nach den Berichten antiker Geschichtsschreiber, als Gegenwert für einen Sklaven ein Fässchen Wein eingetauscht

haben, so würde der Inhalt der Standflasche etwa einem „halben Menschenleben“ entsprochen haben. Dieser Vergleich macht die Wertschätzung für den begehrten Rebensaft erst richtig begreifbar …

Nahebei stand ein flaches unverziertes Bronzebecken von ca. 38 cm Durchmesser, welches gewöhnlich zum Regelbestand eines frühlaténezeitlichen Adelsservices zählt (V. 55/ Nr. 25).

Eine hölzerne Röhrenkanne mit Deckel, die neben dieser „Feldflasche“ deponiert wurde, war vermutlich mit Beerensaft gefüllt. Unter den zahlreichen gravierten und gepunzten Bronzebeschlägen besticht vor allem die Maske eines bärtigen Mannes mit plastisch herausgetriebenen Gesichtszügen (V. 54/Nr. 31). Deutlich sind die charakteristischen Mandelaugen und auch der gepflegte Knebelbart zu erkennen, den schon der antike Geschichtsschreiber Diodor beschreibt: „Manche rasieren sich, andere, vor allem die Vornehmen, lassen sich bei glatt geschabten Wangen einen Schnurrbart lang herabwachsen, so dass ihr Mund verdeckt ist und beim Essen wie beim Trinken als ein Seiher wirkt …“

So lag denn auch beim „Fürst“ eine Toilettegarnitur, bestehend aus drei (!) eisernen Rasiermessern zusammen mit einem Wetzstein, griffbereit in einem Lederfutteral (V. 54/Nr. 15 und 16).

Ein flaches, fragiles Band aus Bronzeblech mit umgebördelter, fein durchbrochener Goldauflage, eine kleine Scheibe aus dünnem Goldblech mit konzentrischen Zonen aus gepunzten Kreisen und Strichbändern und ein flügelförmiges,dünnes Goldblech mit symmetrischem Zungenmuster können vermutlich als Trinkhornbeschläge gedeutet werden (V. 54/Nr. 36 – 39). Das Trinken aus Auerochshörnern (im Sonderfall aus Metall) war bereits in der Hallstattzeit einer privilegierten Führungsschicht vorbehalten und offenbar ein elementarer Bestandteil des Symposiums.

Versehen mit einer beeindruckenden Grabausstattung, konnte dieser verhältnismäßig junge Mann getrost ins Jenseits überwechseln. Sein mitgebrachter Besitz würde ihm auch dort den gewohnten Lebensstandard garantieren. Dass ihm darüber hinaus noch andere angenehme, genauer erotische Seiten des Lebens am Herzen lagen, wird zuletzt durch die Amulettbeigabe einer cypraea, einer Kaurischnecke, begreifbar (V. 54/Nr. 14).

ZUM NACHLEBEN DER FÜRSTENGRABSITTE

Der mit den „Fürsten“ umschriebene Personenkreis einer gehobenen Adelsschicht ist in den Gräbern des 4. Jhdts. v. Chr. nicht mehr nachzuweisen. In dieser Zeit hörte in fast ganz Mitteleuropa die Sitte der „Prunkgräber“ auf, so dass die sozialen Unterschiede nur in wenigen Ausnahmefällen an den Ausstattungen

der Gräber abgelesen werden können. Dieses Phänomen fällt zeitlich mit dem Beginn der großen keltischen Wanderungen zusammen, in deren Verlauf es zu den schicksalsschweren Auseinandersetzungen mit den mediterranen Völkern kam. Die oberitalischen Umschlagplätze in der „Padana“ wurden in mehreren Wellen überrannt, was folglich zum Abbruch aller Fernhandelsbeziehungen führen musste.

In einem bemerkenswerten Ausnahmefall ist es immerhin gelungen, die führende Position eines Bestatteten ansatzweise zu erkennen. Es handelt sich dabei um die Nachbestattung eines Kriegers im Hügel des „Fürstengrabes 44“. Seine schlichten Beigaben fallen augenscheinlich nicht aus dem gewohnten Rahmen, mit Ausnahme eines kleinen 6,6 cm langen SCHIFFCHENS AUS GOLDBLECH, welches zwei breite Ruder auf einer Seite aufweist (V.56/Nr. 8) Das Schiffchen diente im Grab vermutlich als sichtbares Kennzeichen eines Berufsstandes, vielleicht jenes eines Schiffsmeisters, der für den Salzvertrieb verantwortlich war? Die Vorstellung, dass es sich womöglich um ein Votivschiff handeln könnte, auf dem der Tote über einen mythischen Fluss hinweg ins Totenreich wechseln würde, ist allerdings auch nicht von der Hand zu weisen.

KEIN RÖMISCHER LUXUS FÜR DAS ALPINE SALZ – ABSATZEINBUßEN UND PREISVERFALL BEI SALZ IN SPÄTKELTISCHER UND FRÜHRÖMISCHER ZEIT

Um 15 v. Chr. wurde das keltische Königreich Noricum, zu dem auch das Gebiet des Dürrnbergs gehörte, teils durch Kämpfe, teils aber auch friedlich in das römische Weltreich eingegliedert. Mit der römischen Verwaltung und Kultur wurden in den neuen Provinzen nördlich der Alpen im Verlauf des 1. Jhdts. n. Chr. zentrale Wirtschaftseinheiten, die villae rusticae, gegründet. Auch auf diesen Landgütern spielte das Salz für gekochte sowie gebackene Speisen, Weinsaucen und nach wie vor zum Konservieren und Einpökeln von Fleischprodukten eine wichtige Rolle.

Den erforderlichen Bedarf hatte man aber wahrscheinlich mit MEERSALZ abgedeckt, das vom Mutterland auf einem hervorragenden Straßennetz importiert werden konnte.

Ob der römische Fernhandel über den Donaulimes hinaus auch das „freie Germanien“ mit Meersalz beliefert hatte, wissen wir nicht. Genaueres ist nur über den Export von Luxusgütern, konkret über den Transfer von kaiserzeitlichem Trinkgeschirr zu den germanischen Fürstenhöfen, bekannt.

Von diesem neuen Reichtum ist auf dem Dürrnberg jedoch nicht einmal ansatzweise etwas zu spüren. Der heimische Salzbergbau wurde wahrscheinlich nur mehr als bescheidene Produktionsreserve für den lokalen Bedarf genutzt und schließlich um die Mitte des 1. Jhdts. n. Chr. eingestellt. Der Wirtschaftstandort Dürrnberg wurde in der Folge aufgegeben und erst durch die neuerliche Erschließung der Salzlagerstätten im Mittelalter um 1100 n. Chr. wiederbelebt.